Predigten

Predigt zu Mk 9,38-48 (26. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B)

„Wer von diesen Kleinen …“

Markus Mattes, 30. September 2018

Liebe Schwestern und Brüder,
die ganze Woche habe ich mit mir gerungen, was ich heute im Gottesdienst sagen soll. Und damit meine ich nicht einfach den Inhalt meiner Sonntagspredigt.
Ich fühle mich hilflos und sprachlos, und ich würde am liebsten schweigen. Aber ich spüre auch, dass ich nicht schweigen darf und etwas sagen muss und auch möchte.
Die Medien sind voll, von den Berichten über die Studie zum sexuellen Missbrauch durch „Diener der kath. Kirche“ an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen. Und sagen zu müssen, dass meine Kirche diesen schrecklichen Verbrechen ein regelrechter Schutzraum war, macht mich wütend und traurig, es zieht mich nach unten und geht mir tief ins Herz.

Endlich, seit einigen Jahren wird dieser Schutzraum Stück für Stück aufgebrochen. Und ich möchte sagen: Es darf nicht enden, dass wir dieses Thema ansprechen, anschauen, zugeben und handeln, weil es himmelschreiendes Unrecht ist und schreckliche Verbrechen sind! Dieses Thema muss ans Licht, denn nur da kann es heilen!
Die Kirche steht am Scheideweg, und ihr Fortgang zeigt sich darin, wie entschlossen, aufrichtig und wahrhaftig sie diesem Elend begegnet!

„Wer von diesen Kleinen …“

„Wer einen von diesen Kleinen zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ Wir haben dieses Wort von Jesus im Evangelium gehört und es wird in allen kath. Kirchen der Welt heute verkündet. Ist es ein Zufall oder ist es eine Fügung …?!
Jesus begegnet uns hier nicht pflegeleicht; da ist nichts zu spüren von Barmherzigkeit, Verständnis und Wohlfühlatmosphäre. Jesus ist zornig, er ist klar in seinen Ansagen, immer. Und bei aller Barmherzigkeit, die er selber ist, hat er keinem einzigen seiner Nachfolger das Recht erteilt, selber unbarmherzig oder verletzend zu sein. Vielmehr sagt er uns heute klar und deutlich: bevor wir hart zu anderen sind, sollen wir viel lieber hart zu uns selber sein, um den anderen eben nicht durch uns zu schaden! Jesus hat seine Jünger ausgesandt, um zu heilen was verwundet ist und nicht um den Menschen weh zu tun!
„Wer einen von diesen Kleinen … mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen würde.“ Dieser Satz ist kein Aufruf zur Rache und Vergeltung, dahinter steht ein typisch orientalisches Bild. Aber ich möchte hinter diesem Vergleich bezogen auf die Situation unserer Kirche etwas entdecken:
Da ist die Rede von den Kleinen. Jesus stellt sich hinter die, die damals nicht viel galten, er stellt sie in den Mittelpunkt.
Das ist der Auftrag für die Kirche. Es darf uns jetzt nicht zuerst um unser Ansehen gehen oder dass wir die Glaubwürdigkeit der Kirche so schnell wie möglich wieder herstellen. Es geht jetzt nicht um die Rettung einer Institution. Es muss uns zu allererst um diejenigen gehen, denen so entsetzliches Leid und Verwundung an Leib und Seele angetan worden ist. Ihre Stimmen müssen ernst genommen werden. Alle nur erdenkliche Hilfe müssen sie erfahren! Leider waren wir hier bisher viel zu unentschlossen!

Und wenn Jesus vom Bösen spricht, das den Kleinen angetan wurde, dann wirkt das für mich über die begangenen Verbrechen hinaus und weiter in der Vertuschung und im Verschweigen durch die Kirche und ihre Verantwortlichen.
Strukturen des Bösen haben das auch in der Kirche begünstigt. Dazu gehören die klerikale Selbstdarstellung und die Ausübung von Macht über andere Menschen. Damit verbunden die Seuche des Karrieredenkens, die leider häufig unter Klerikern grassiert.
Es ist unser Recht vom Papst und den Bischöfen einzufordern, dass diese Fragen in aller Öffentlichkeit und Ehrlichkeit angeschaut und Lösungen gefunden werden. Wir sind in einer Situation angekommen, wo Worte der Scham und der Entschuldigung nicht mehr reichen.
Dazu gehört für mich auch, dass die Rede von der sog. „bösen Presse“ aufhört. Seien wir vielmehr dankbar, dass alles ans Licht kommt. Denn nur, wenn Dinge ans Licht kommen und ausgeleuchtet werden, kann es Heilung geben.
Dazu gehört auch, dass wir die Ergebnisse der Humanwissenschaften ernst nehmen und Fragen der Sexualität neu bewerten.
Und schließlich mit aller Klarheit und Eindeutigkeit, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt und die Verbrechen aufgedeckt werden. Wir müssen solche Verbrechen verurteilen. Aber ich möchte auch betonen, dass wir die Verbrechen verurteilen und nicht den gesamten Menschen! Niemand von uns ist ohne Sünde, niemand. Und wir müssen immer und in allem bereit sein, die Tat auch getrennt vom Menschen zu betrachten. Sehen wir persönlich davon ab, einen Menschen zu verurteilen. Dieses Recht zu verurteilen, haben wir in der Welt ausschließlich im Rahmen unserer weltlichen Rechtsprechung. Und dort muss in allen Fällen Recht gesprochen werden! Aber das Urteil über den gesamten Menschen und auch den Priester selbst müssen wir Gott überlassen!

„mit einem Mühlstein …“

Da ist der Mühlstein, der so sperrig in diesem Jesuswort steht. Ich sehe ihn als Zeichen für alles Harte und Schwere. Hart und schwer ist diese Situation für alle, die ihren Glauben ernst nehmen, hart und schwer ist das alles auch für alle Arbeiter im Weinberg des Herrn, die sich jeden Tag in den Gemeinden und in der Welt bemühen, die Frohe Botschaft durch ihren Einsatz zu leben und zu verkünden. Wir alle, Sie und ich, müssen die Enttäuschung, die Wut und das Entsetzen, das durch die Vergehen von Dienern der Kirche in vielen Menschen ausgelöst wurde, aushalten und ertragen.

Am Anfang meiner Predigt habe ich gesagt, dass ich sehr mit mir gerungen habe, was ich heute sagen soll, und ich tue mir schwer, jetzt einfach ein Amen zu sagen.

Tief bewegt hat mich die Erzählung einer Frau, die als Ministrantin von ihrem Pfarrer missbraucht wurde, es war ein Beitrag im Fernsehen am Dienstagabend: Nach so vielen Jahren des Nicht-gehört-werdens, der Vertuschung und Nicht-wahrhaben-wollens seitens der Kirche konnte für sie endlich ein Prozess der Aufarbeitung und damit der Heilung beginnen.
Und am Ende sagte sie: „Es ist möglich, an Gott zu glauben.“

Ich danke Gott, dass seine Gegenwart, sein Mitleiden und seine Heilung in ihr durchdringen konnte und kann.
Die Schreie der Geschundenen dringen in den Himmel! Gott hört es! Wenn die Kirche diese Schreie nicht hört, ist sie nicht seine Kirche!

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie einladen, an die zu denken, denen so viel Böses angetan wurde. Und das wir in Stille darum beten, dass wir selber unseren Glauben an Jesus und seine Kirche nicht verlieren!

 


Predigt zu Mk 9,30-37 (25. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B)

auf dem Hintergrund der Missbräuche in der Katholischen Kirche

Diakon Andreas Thalhofer, 23. September 2018

Der Größte sein

Kennen Sie das ungute Gefühl bei etwas ertappt worden zu sein, wovon eigentlich niemand erfahren sollte? Dann können sie sich gut in die Jünger hineinversetzen, als sie von Jesus ertappt wurden. Er hat sie dabei ertappt, wie sie sich darin ereiferten der Größte zu sein.

Der Größte sein. – Was bedeutet das? Beliebt sein, Ansehen genießen, berühmt sein, Einfluss haben, bestimmen können, Macht ausüben, …?

Für Jesus bedeutet der Größte zu sein etwas ganz anderes und das macht er den Jüngern in beschämender Weise klar: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“ Wahre Größe besteht für Jesus im Dienen. Ein wahrhaft großer Mensch ist demnach ein guter Diener. Einer, der sich um das Wohlergehen anderer kümmert. Der sich dafür interessiert, was andere brauchen. Der zuerst an andere denkt und dann an sich.

Priester pervertieren ihre Aufgabe

Ja, mit dieser Aussage beschämt Jesus seine Jünger. Er beschämt sozusagen die ersten Amtsträger der entstehenden Kirche und er beschämt nicht wenige Amtsträger der heutigen Kirche. Nämlich all diejenigen, die genau das Gegenteil von dem im Sinn haben, was Jesus fordert. Diejenigen, die nicht dienen, die sich nicht um das Wohl der Menschen sorgen, sondern viel schlimmer – die ihr Amt und ihre Stellung dazu nutzen, um ihnen anvertraute Menschen zu missbrauchen.

Eigentlich soll die von der Deutschen Bischofkonferenz in Auftrag gegebene Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands erst am kommenden Dienstag veröffentlicht werden. Doch vieles daraus wurde in den vergangen zwei Wochen schon bekannt. Zahlen, die erschüttern: 3677 Kinder und Jugendliche, an denen sich in den letzten 70 Jahren 1670 Männer, die im Dienst der Kirche stehen, vergangen haben. Davon stammen 164 Opfer und 85 Täter aus unserer Diözese. Das teilte Bischof Konrad gestern in einem Brief an alle pastoralen und kirchlichen Mitarbeiter des Bistums Augsburg mit. Diese Zahlen und alle weiteren Veröffentlichungen, von denen wir gerade aus der ganzen Welt erfahren, machen fassungslos und rufen die Frage in den Sinn, die Kardinal Josef Ratzinger bereits 2005 beim römischen Kreuzweg am Karfreitag stellte: „Wieviel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit?“

Wir wissen mittlerweile alle, dass während viele Jahre Menschen schwerer Schaden zugefügt wurde von Vertretern der Kirche, in erster Linie von Priestern, Ordensleuten und Diakonen – alle Gott geweihte Menschen, die versprochen haben ihr Leben in den Dienst Gottes zu stellen. Kardinal Rainer Maria Woelki, sagte dazu kürzlich: „Wer sich aber als Diener Gottes an Menschen schuldig gemacht hat, der hat diese Aufgabe ins Gegenteil verkehrt – ja pervertiert!“ Und er sagte weiter: „Ich bin persönlich zutiefst getroffen und schäme mich an dieser Stelle für meine Kirche. Dafür, dass sie es zugelassen hat, dass so etwas passieren konnte. Und auch dafür, dass nachweislich vertuscht wurde, weil man den Ruf der Institution über das Wohl des Einzelnen gestellt hat.“ (Domradio.de) Und auch Bischof Konrad Zdarsa beteuert in seinem Schreiben: „Ja, ich schäme mich für die Mitbrüder und für unser Bistum, in dem so etwas möglich war.“

Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter verstellt den Zugang zu Gott

Gewiss, Missbrauch geschieht nicht nur in der Kirche, er geschieht auch in Vereinen und allermeist im familiären und häuslichen Umfeld. Und vielleicht mag es stimmen, dass die vielen Missbrauchsfälle innerhalb unserer Kirche ein Spiegel unserer Gesellschaft sind. Aber Missbrauch begangen von Christen – und noch schlimmer – von kirchlichen Amtsträgern ist erst Recht verwerflich.

Dies offenbart Jesus im heutigen Evangelium, als er um die Jünger zu belehren ein Kind in ihre Mitte stelle und sagte: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.“

Im Umkehrschluss bedeutet das doch: Wer ein solches Kind nicht aufnimmt, wer es sogar missbraucht, demütigt, erniedrigt und schändet um sich selbst größer zu machen, der schändet zugleich Gott.

Obendrein verstellt er seinen Opfern oft für ein ganzes Leben den Zugang zu dem Gott, der mit uns ist. Wenn Missbrauch, egal ob sexuell oder gewalttätig motiviert, durch Geistliche, Ordensleute oder sonstige im Dienst der Kirche stehende Menschen begangen wird, führt das unweigerlich zu einer Vergiftung des Gottesbildes. Die Personen, deren Aufgabe es ist Gott den Menschen nahe zu bringen, werden zu Zerstörern von Gottesbeziehungen. Das ist es, was den Missbrauch innerhalb der Kirche noch schlimmer macht, als er ohnehin schon ist.

Gott hat, als er Mose im brennenden Dornbusch begegnet ist, seinen Namen offenbart: „Jahwe – ich bin da.“ Es ist der gleiche, der als Menschgewordener sagt: „Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Wie schrecklich ist es, wenn der Zugang zu diesem Gott durch Menschen der Kirche verstellt wird! Und welch zusätzlicher Schmerz ist es, wenn die Opfer obendrein erfahren müssen, dass ihre Erfahrungen nicht ernst genommen werden, ihr Leid ignoriert und ihre Klage nicht gehört wird.

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn, sagte einmal: „Wenn jetzt die Opfer sprechen, dann spricht Gott zu uns, zu seiner Kirche, um sie aufzurütteln und zu reinigen.“

Kirche muss authentisch die Liebe Jesu verkünden

Die Kirche wird daran gemessen werden, ob sie in der Lage ist den Verletzen ins Gesicht zu schauen. Ob wir in der Lage sind die Opfer zu begleiten und ihnen Hoffnung zurückzugeben. Auch die Hoffnung, dass in der Kirche wirklich auch Heil zu finden ist – schließlich ist es die Kirche Jesu Christi, der die Liebe in Person ist.

Die alles entscheidende Frage wird sein, schaffen wir es, die wir im Dienst der Kirche stehen, die Liebe Jesu zu den Menschen wieder glaubwürdig zu verkünden und durch unser eigenes Leben zu bezeugen?

Suchen wir die Beziehung zu ihm um dadurch authentisch zu werden in dem, was wir verkünden und wie wir handeln?

Trauen wir Jesus zu, dass er uns befähigt wie er zu lieben – nicht besitzergreifend, nicht begierlich, sondern tief und hingebungsvoll für den anderen? Eine Liebe, die den anderen achtet und nichts für sich will?

Glauben wir wirklich daran, dass die Begegnung mit Jesus ein Leben heilsam verändern kann?

Er ist die einzige Chance auf Heilung an Leib und Seele – Heilung der Opfer genauso wie Heilung der Täter. Auch sie bedürfen dringend der Heilung, von ihrer Unreife, von ihrem krankhaften Selbstverständnis, von ihren Minderwertigkeiten und von ihrem Machtstreben. Christus hat aus Liebe zu allen Menschen sein Blut auf Golgota vergossen. Sein Blut ist Sühne und Balsam zugleich.

Zugegeben, diese Tatsache fordert uns in unserem Denken und Glauben gewaltig heraus. Aber – so ist die Liebe Jesu.

Egal was geschah, Jesus blieb immer bei den Menschen. Er blieb als Judas ihn verraten und Petrus ihn verleugnet hat und auch als unter dem Kreuz alle Jünger verschwunden waren.

Jesu blieb da und er bleibt da – auch in seiner Kirche. Aber er will eine wahrhaftige, glaubwürdige und liebesfähige Kirche.

Gemeinsam für eine neue Kirche

Ich glaube daran, dass solch eine Kirche möglich ist, sonst stünde ich heute nicht hier.

Diese Kirche ist möglich auch wenn viel zu viele hinter der Fassade des Priester- und Klerikertums schwere Verbrechen begangen haben. Und diese Leute haben zugleich die vielen Guten – und das ist die Mehrheit – die vielen Guten in Misskredit gebracht: die guten Priester, die guten Geistlichen, die guten Ordensleute und die guten Laien – die sich Tag für Tag in Treue und Liebe dafür einsetzen, dass die Menschen ein Vertrauen zu Gott und ein Vertrauen zur Kirche haben, die sich darum bemühen die Kirche auch in die Zukunft hinein aufzubauen. Über all denen wird nun ebenfalls Schande und Misstrauen ausgeschüttet.

Und ich bin mir sicher, auch unter Ihnen, liebe Schwestern und Brüder, befinden sich einige, die an Ihrem Arbeitsplatz, in Ihrem Verein oder in Ihrem Freundes- und Bekanntenkreis angegangen werden, weshalb Sie überhaupt noch mitmachen bei „diesem Verein“.

Ich bitte Sie, bleiben Sie und machen Sie weiter mit. Treten wir gemeinsam ein für Jesus Christus und seine Vision von Kirche. Setzen wir uns gemeinsam dafür ein, dass Kirche wieder glaubwürdig werden kann, dass sie gereinigt wird und dass in ihr wieder neu und heller das Licht Christi leuchten kann – für die Menschen.