Impulse

23.09.2018 / 39

Warum ich dabei bin

Auf meinem Weg zur Arbeit fahre ich täglich an einem Wahlplakat vorbei mit der Aufschrift „Mut geben statt Angst machen“. Und ich denke mir, dies ist doch das Gebot der Stunde. So viele Unsicherheiten und Ängste beherrschen gerade zahlreiche Menschen in unserem Land. Und andere schüren diese Ängste zu ihrem eigenen Vorteil weiter.

Aber auch in unserer Kirche scheint es angebracht Mut zu machen angesichts der nicht enden wollenden Missbrauchsskandale, die nach wie vor ans Licht gebracht werden. Jede einzelne Tat – sei sie sexuell oder gewalttätig motiviert – ist eine Sünde, ein Skandal, ein Verrat, eine offene Wunde – wie Papst Franziskus sie bezeichnet.

Bei der Aufklärung und im Umgang mit den Missbräuchen hat die Kirche Fehler begangen und begeht nach wie vor Fehler. Und deshalb wenden sich Menschen von der Kirche ab – enttäuscht, wütend und verletzt. Nicht selten bekommen Gemeindemitglieder, die nach wie vor in der Kirche engagiert sind, die ganze Wucht des verständlichen Unmuts ab und müssen sich rechtfertigen, warum sie immer noch dabei bleiben, bei „diesem Verein“.

All jenen möchte ich Mut zusprechen. Nichts liegt mir dabei ferner als Dinge schönzureden, schon gar nicht Missbräuche! Ich möchte lediglich erklären, warum ich dabei bin, in dieser Kirche, an der auch ich immer wieder leide:
Ich habe das große Glück, dass ich Kirche von klein auf als Heimat erleben durfte. Gut kann ich mich daran erinnern, wie ich als kleiner Junge bei den Familiengottesdiensten am liebsten ganz vorne in den Kinderbänken saß, die es damals in der Weißenhorner Stadtpfarrkirche noch gab. Viel Zeit meiner Kindheit und Jugend verbrachte ich in der KJG. Hier schloss ich Freundschaften, die zum Teil heute noch andauern, hier machte ich wichtige Erfahrungen für mein Leben und hier wurden – wenn auch unbewusst – die Weichen dafür gestellt, dass ich später in den kirchlichen Dienst gehen würde. Daran hatten vor allem die beiden Pfarrer Anteil, die ich als Kind und Jugendlicher erleben durfte. Das Pfarrhaus erlebte ich als einen Ort, an dem man stets willkommen war, was nicht zuletzt auch an der Herzlichkeit der Haushälterin lag.

In meiner Heimatgemeinde hatte ich das Gefühl, dass es gut ist, dass ich da bin, dass ich meinen Platz habe und ein Teil des Ganzen sein kann. Ich durfte in der Kirche Heimat und Geborgenheit erfahren – auch später in der Hochschulgemeinde während des Studiums. Dies war ein Grund, weshalb ich mich entschloss in den Kirchlichen Dienst zu gehen. Ich wollte, nachdem ich so viel Gutes erfahren durfte, etwas davon auch an andere Menschen weitergeben. Mein ureigener Grund ist jedoch, dass es die Kirche Jesu Christi ist. Er ruft uns in seine Nachfolge. Er ist der Weinstock und wir sind die Reben. Getrennt von ihm können wir nichts vollbringen. (vgl. Joh 15,5)

Sie, die Sie diese Zeilen lesen und Teil dieser Kirche sind, haben Ihre eigenen Gründe weshalb Sie da sind. Und ich bin mir sicher, Sie haben auch Ihre Gründe dafür, was Sie an der Kirche zweifeln lässt. Es ist gut, dass Sie da sind, denn nur gemeinsam können wir am Reich Gottes bauen – bei Weitem nicht perfekt, sondern immer auch fehler- und bruchstückhaft. Dies war schon klar, als Jesus Simon Petrus zum Felsen seiner Kirche machte.

Missbrauch wurde zu einer traurige Realität in unserer Kirche. Doch Kirche ist mehr, muss mehr sein. Wir alle sind nötig um der Kirche das Gesicht und die Gestalt zu geben, die Jesus ihr zugedacht hat. Ich bin dankbar für das Gute, das ich durch diese Kirche erfahren durfte, wohlwissend, dass andere an und unter dieser Kirche leiden, weil sie schmerzlich am eigenen Leib erleben mussten wie Menschen ihr Amt missbrauchen. Die Täter haben sich innerlich längst vom Weinstock losgesagt, auch wenn Sie sich nach außen einen ganz anderen Anschein geben.

Seien Sie gewiss, uns Hauptamtliche der Pfarreiengemeinschaft Neu-Ulm lassen all die Missbräuche nicht kalt und auch wir verurteilen diese Taten. Und wir sind offen, wenn Ihnen diesbezüglich etwas schwer auf dem Herzen lastet.

Ihr Diakon Andreas Thalhofer


16.09.2018 / 38

Vom Mut, das Eigene zu finden

Es geht weiter, vor uns liegt ein langer Weg. Das neue Schuljahr und Arbeitsjahr hat begonnen. Manche Studenten genießen noch, aber bald beginnt auch wieder das neue Semester. Und da stellt sich doch die Frage, die wir uns auch gerne an Silvester stellen: Welche Ziele möchte ich in diesem Jahr erreichen? Wo möchte ich hin mit meinem Leben?

Manchen sind die persönlichen Ziele klar und sie erreichen sie auch. Andere sind unentschlossen, sehen die Fülle an Möglichkeiten und wissen nicht so richtig, was zu ihnen passt. Manche behaupten, man könne alles erreichen, wenn man nur will. Leider entspricht das nicht der Realität. Manches, was wir uns vielleicht wünschen, erreichen wir auch mit viel Anstrengung nicht.

Wie finden wir aber nun das Eigene, das, was zu uns passt? Grundsätzlich ist es notwendig, dass wir erst einmal bei uns selber ankommen und uns ehrlich anschauen mit dem, was wir sind. Weiter müssen wir uns fragen, was wir selber für sinnvoll erachten? Welchen Sinn möchte ich meinem Leben geben? Jeder von uns hat seine eigenen Sätze die ihn leiten, eigene Motive und Überlegungen, die ihn antreiben. Aber jeder hat auch einen natürlichen Sensor, und spürt intuitiv, was zu ihm passt und was nicht. Wir müssen nicht hoch hinaus, auch wenn von dort die Aussicht vielleicht gut ist. Viel wichtiger ist, dass wir in Kontakt mit dem bleiben, der uns gemacht hat. Gott weiß genau wozu wir am Besten dienen und er führt uns auch den Weg den wir am Besten gehen. Wenn wir also Ausschau halten nach dem Unseren, dann gelten zwei Grundregeln:

Zunächst dürfen wir uns im Klaren darüber werden, wer wir sind. Und da ist die Antwort für alle gleich: Wir sind von Gott gewollt und – egal was wir aus unserem Leben machen – wir sind auch von Gott geliebt! Die erste Regel lautet also: Wir sind grundsätzlich wertvoll – egal was wir tun!

Die zweite Regel lautet, dass derjenige ganz gewiss seinen Weg findet, der sich von Gott, und damit aus dem eigenen Herzen heraus, leiten lässt. Die biblischen Gestalten Abraham, Mose, Jakob, Josef u.v.m., aber auch diejenigen, die wir in unserer Kirche als Heilige verehren, haben es uns vorgemacht! Es geht nicht darum, die besten Voraussetzungen ins Leben mitzubringen, um aus eigener Kraft möglichst vieles zu erreichen. Sondern es geht darum, aus den gegebenen Möglichkeiten mit Gottes Hilfe das Beste zu machen! Die Geschichte zeigt, dass dadurch wirklich die Welt verändert wird und das persönliche Leben auch gelingt. Was wir dazu loslassen dürfen ist die eigene Angst, nicht gut genug zu sein oder für diese Welt zu wenig nützlich.

Nehmen wir uns ein Beispiel an diesem Gänseblümchen: es hat sich mit Gottes Hilfe offensichtlich durch den Asphalt gezwängt. Es wusste nichts davon, dass eine Kamera kommt und es ins Bild bringt. Das Gänseblümchen ist längst welk und weiß nichts davon, dass wir uns gerade an ihm freuen.

Also denken wir nicht zu klein von uns selber, sondern gehen unseren Weg im festen Vertrauen, dass unser Herz uns führt und leitet und wir nützlich sind für diese Welt.

Ilona Thalhofer, Gemeindereferentin